Unter den Schülern Buddhas nimmt Ananda eine Sonderstellung ein. Er wurde am selben Tag wie Buddha in dieselbe adlige Herrscherkaste geboren. Sie waren Cousins und wuchsen gemeinsam auf. Als Ananda 37 Jahre alt war, verließ er sein materielles Leben und trat gemeinsam mit einigen weiteren Adligen in den Mönchsorden Buddhas ein. Ananda war ein eifriger Schüler und erreichte bald den Stromeintritt. Dies geschah während er einer Rede seines Lehrers Punna Mantaniputta über die fünf Gruppen des Anhaftens und über die Vorstellung des Ich Bin folgte. Dabei drang er immer tiefer in das Wesen der Unbeständigkeit, des Leidens und der Freiheit von einem Selbst ein. Mit dem Reifen dieser Einsicht gelang ihm der Durchbruch zum Pfad und zum Stromeintritt.
In den ersten Jahren seines Mönchlebens war Ananda ganz mit der Läuterung des eigenen Herzens beschäftigt. Generell war er mit seinem Leben als Mönch immer sehr zufrieden. Er schätze den Segen des Verzichts und hatte den Weg zur Befreiung eingeschlagen, den in Gesellschaft von Gleichgesinnten zu beschreiten, eine Freude ist. Er fügte sich unauffällig in die Ordensgemeinschaft ein und entwickelte nach und nach immer mehr Spannkraft und geistige Stärke.
Als der Buddha und Ananda fünfundfünfzig Jahre alt waren, erklärte Buddha bei einer Mönchsversammlung: „In den zwanzig Jahren als Vater des Ordens habe ich viele verschiedene Diener gehabt. Doch keiner unter ihnen hat dieses Amt wirklich einwandfrei ausgefüllt. Immer wieder ist ihr Eigenwille durchgebrochen. Nun bin ich fünfundfünfzig Jahre alt und es ist notwendig, dass ich einen treuen und zuverlässigen Diener an meiner Seite habe.“ Alle edlen Jünger boten sich für dieses Amt an, nur Ananda hielt sich bescheiden im Hintergrund. Doch Buddha akzeptiere keinen von ihnen. Da forderten die Jünger Ananda auf, sich freiwillig zu melden. Auf die Frage, warum er sich nicht selber gemeldet hatte, antwortete er, der Buddha wisse am besten, wer sich zu einem Diener eigne. Er habe so viel Vertrauen zu dem Erhabenen, dass er gar nicht auf den Gedanken gekommen sei, einen Wunsch zu äußern, obwohl er sehr gern Diener seines Meisters geworden wäre. Buddha fand Gefallen an Ananda und stellte fest, dies sei der Richtige. Ananda war nicht stolz, dass er den anderen vorgezogen worden war, und äußerte acht Wünsche:
Anandas vier negative Wünsche:
1. Buddha solle niemals ein geschenktes Gewand an ihn weitergeben
2. Buddha solle niemals gespendete Almosen, die er selbst erhalten hat, an Ananda weiterreichen
3. Buddha solle die ihm gewährte Unterkunft nicht auf ihn ausdehnen
4. Eine persönliche Einladung, zum Beispiel eine Gelegenheit der Darstellung der Lehre während eines gespen deten Mahles, solle sich nicht auf Ananda erstrecken
Anandas vier positive Wünsche:
1. Wenn Ananda auf ein Essen eingeladen sei, möchte er dieses auch auf den Buddha erweitern dürfen
2. Wenn Personen von auswärts kämen, bittet Ananda um das Privileg, sie zu ihm führen zu dürfen
3. Wenn ihn irgendwelche Fragen in Bezug auf die Lehre bewegten, so bittet er um das Recht, sie jederzeit dem Buddha vorlegen zu dürfen
4. Wenn der Buddha während Anandas Abwesenheit eine Lehre halten werde, so bitte er darum, dass der Buddha sie für ihn persönlich noch einmal wiederhole
Zur Begründung führte Ananda aus: Wenn er nicht die ersten vier Bedingungen stelle, so könnten die Menschen behaupten, er habe die Stelle als Diener nur des materiellen Gewinns wegen akzeptiert, in dessen Genuss er durch sein Leben nahe des Meisters komme. Wenn er die übrigen vier Bedingungen nicht gestellt hätte, so könne richtigerweise behauptet werden, er erfülle die Pflichten seiner Stellung, ohne auf sein eigenes Fortkommen auf dem Edlen Pfad zu achten. Buddha gewährte ihm diese Wünsche. Sie stehen mit der Lehre ganz in Übereinstimmung. Von nun an war Ananda 25 Jahre lang der ständige Begleiter, Gefährte und Diener des Erhabenen und strebte gleichzeitig unaufhörlich nach der eigenen Reinigung. Seine enge Verbindung mit dem Buddha und seine Hingabe an ihn ließen keinen Raum für Gedanken an Lust oder Hass, obwohl er all die Zeit bis zu Buddhas Tod selbst noch ein Lernender war:
Vorgehensweise:
1. Den Originaltext mehrmals lesen
2. Die Geschichte in eigenen Worten zusammenfassen (siehe oben)
3. Die praktischen Punkte fett markieren
4. Die Punkte auflisten (siehe unten)
5. Verwandte Punkte zusammenfassen zu einem Punkt
6. Zu jedem Punkt eine praktische Erläuterung verfassen
7. Diese Liste im Alltag mit sich tragen und an der Umsetzung arbeiten
Erläuterung der praktischen Punkte
1. Das materielle Leben verlassen - Unbeständigkeit - Anhaftung: Im spirituellen Leben geht es um die Loslösung aller Anhaftungen an vergängliche, materielle Dinge. Denn jeder Wunsch, der sich auf etwas Vergängliches bezieht, den wir im Inneren halten, bindet uns an die Welt und den Kreislauf der Wiedergeburten. Um Gott oder das Nirwana zu erreichen, muss unser Verlangen ganz auf das Ewige gerichtet sein. Entweder materielle Welt oder spirituelle Welt. Beides gleichzeitig ist nicht möglich. So lässt man, wenn man sich für den spirituellen Weg entscheidet, alles hinter sich. Wer die Bedingtheit berührt, bleibt bedingt. Wer ausschließlich die Ewigkeit berührt, hat das ewige Leben. Alles Materielle ist eine Illusion, da es vergehen wird. Aus der Ewigkeit betrachtet, hat es deshalb keine Relevanz. Es ist vergleichbar mit einer Seifenblase. Sie ist für einen kurzen Augenblick da. Dann platzt sie und nichts bleibt zurück. Höchstens etwas klebrige Seife. Mit dieser kleben wir uns an die Unbeständigkeit und schaffen uns neue Seifenblasen. Doch am Ende ist das Leben um und man hat nichts erreicht.
2. Der Eintritt in den Mönchsorden: Mit dem Eintritt in den Mönchsorden löst man sich bewusst komplett von seinem materiellen Leben. Man lässt alles zurück und widmet sich ganz dem Pfad zur Erleuchtung, dem Weg zu Gott. Mit der Einweihung akzeptiert man den Meister als spirituellen Lehrer. Dazu muss man ihn vorher prüfen und sich von seiner Aufrichtigkeit und seiner spirituellen Kompetenz überzeugen.
3. Eifriger Schüler: Spirituelles Leben bedeutet harte Arbeit an sich selbst. Denn die Hindernisse auf dem Weg, die einen Menschen von Gott, der Erleuchtung, trennen, liegen allein in ihm selbst. Man muss sich selbst überwinden. Dies ist das schwierigste Unterfangen, welches ein Mensch in seinem Leben unternehmen kann, und es wird nur durch konsequente Arbeit realisiert.
4. Der Stromeintritt: Hiermit ist die Überwindung der Dualität gemeint. Man hört auf, das Leben aus der Perspektive von gut und böse zu betrachten und dementsprechend nach dem Lust-und-Laune-Prinzip „mag ich“ und „mag ich nicht“ zu handeln. Wenn man die Dualität endgültig überwunden hat, sieht man Gott oder das Ewige in allen Dingen. Man ist 24 Stunden am Tag bewusst mit der göttlichen Energie verbunden. Der Stromeintritt kennzeichnet den Moment, in welchem ein Mensch dieses Bewusstsein erreicht.
5. Ich Bin - Freiheit vom eigenem Selbst: Ein Mensch identifiziert sich mit seinem Körper und seinem Geist und nennt diese „Ich“. Dabei sind beide vergänglich und werden nur benötigt, um sich vergängliche, unvollkommene, egoistische Wünsche zu erfüllen. In Wirklichkeit ist man die ewige Seele. Nur wenn wir lernen, uns selbst und alle anderen Lebewesen als ewige Seelen zu betrachten, können wir uns aus der Illusion und Bedingtheit der Vergänglichkeit befreien.
6. Leiden: Durch die Anhaftung an die Materie, durch das Festhalten an unvollkommenen, vergänglichen Wünschen, bedingt oder begrenzt man sich. Die Umsetzung dieser Art von Wünschen setzt die Begrenzung der eigenen Sichtweise und Ausblendung des Wohles der anderen - und sei es nur zu einem gewissen Maße - voraus. Dadurch erzeugt man ständig Leiden - für andere und für sich selbst. Das Leiden kann nur überwunden werden, wenn man die Vergänglichkeit, die Materie verlässt.
7. Läuterung des eigenen Herzen: Hiermit ist die Arbeit an sich selbst gemeint, die Loslösung der egoistischen Motiven/Wünsche. Diese Charakter-Arbeit bildet die Grundlage für das spirituelle Leben. Man muss sein Herz erst reinigen und so Platz schaffen, damit Gott/Liebe es füllen kann. Die Entscheidung für den Weg ist nicht ausreichend, sondern man muss auch hart an sich arbeiten.
8. Segen des Verzichts: Um sich nicht mit der Materie zu verstricken und so viel Zeit wie möglich mit der spirituellen Arbeit verbringen zu können, wird auf alles Unnötige verzichtet. Einfachheit, Effektivität und nur das Nötigste zu besitzen repräsentieren das Verständnis der Loslösung und das Ziel der Befreiung vom Leiden.
9. Pfad der Befreiung: Dem Weg Buddhas zu folgen, führt einen Menschen zur Befreiung vom Leiden, von allen Bedingtheiten. Das Ziel ist das Nirwana, die Erleuchtung, Gott, die Allmacht. Wesentlich ist, dass es sich dabei um den Mittleren Pfad handelt. Arbeiten, schlafen, essen, entspannen müssen im richtigen Maß gehalten werden. Wo liegt der Sinn darin, so hart zu arbeiten und zu entsagen, dass man frustriert wird oder sich gar nicht mehr auf das eigene Vorankommen konzentrieren kann? Doch man darf auch nicht zu nachlässig sein. Hier verweise ich auf das Gleichnis mit der Laute: Wenn eine Seite der Laute zu straff gespannt wird, reißt sie. Wenn man sie nicht stark genug spannt, hängt sie durch und man kann das Instrument nicht spielen. Man muss immer auf sich achten, dass man die richtige Spannkraft hat, um optimal im spirituellen Leben voranschreiten zu können.
10. Unauffällig und bescheiden sein: Ein spiritueller Mensch stellt nicht sich selbst, sondern Gott in den Mittelpunkt. Er sieht Gott in allem und ehrt dies. Er geht richtig mit Allem um, denn nichts ist mehr oder weniger wert, richtig oder falsch. Er urteilt nicht und hat Achtung vor anderen. Er ist auf das Innere, das Ewige konzentriert und will sich nicht materiell darstellen oder bereichern.
11. Diener: Der Dienst stellt den schnellsten Weg dar, um alles vom Meister zu lernen und selber erleuchtet zu werden. So kann man in die Fußstapfen des Meisters treten und schließlich das Ziel erreichen. Zum Schluss bestätigt Ananda die Vorzüge seines Dienstes für Buddha: 25 Jahre lang war er immer in Gesellschaft mit Buddha und nie stiegen Lust oder Hass in ihm auf.
12. Vertrauen und Hingabe: Wenn man sich von der Richtigkeit der Lehre und der Verwirklichung des Meisters überzeugt hat, und diese parallel immer weiterprüft, alle Zweifel klärt, bei jedem neuen Punkt, den man lernt, dann baut man immer mehr Vertrauen zum Meister auf und kann sich schließlich aus eigener Überzeugung ganz dem Weg und dem Dienst hingeben.
13. Kein materieller Gewinn: Hier bezieht sich Ananda auf die Lehre: Verzicht und Bescheidenheit. Er gibt durch diese vier negativen Wünsche seinem Eigenwillen, der bei seinen Vorgängern immer wieder durchbrach, keinen Raum.
14. Eigenes Fortkommen: Der Dienst für den Meister und die Unterstützung anderer Suchender ist ein wichtiger Bestandteil des spirituellen Lebens und beschleunigt die eigene Entwicklung. Doch man muss auch immer auf seinen eigenen Fortschritt achten, nur so kann man Vorbild und Orientierung für andere sein und sein Ziel erreichen.
Diese Analyse der bewegenden Lebensgeschichte von Ananda zeigt, dass der Weg zur Erleuchtung heute noch genauso umgesetzt wird wie vor Tausenden von Jahren, und dass dabei der persönliche Umgang mit allem Existierenden im Mittepunkt steht. Zeitlose Weisheit.