Zweifle an der Sonne Klarheit,
Zweifle an der Sterne Licht,
Zweifl‘, ob lügen kann die Wahrheit,
Nur an meiner Liebe nicht.
Hamlet, Prinz von Dänemark
Da war er wieder, der monatliche Rundruf aus der Terasof Redaktion an die freien Mitarbeiter: Wer möchte einen Artikel über William Shakespeare schreiben? Ich entschied mich dafür und begann sofort zu überlegen, wie ich an diesen großartigen Meister herantreten sollte. Vielleicht sollte ich einfach irgendwie loslegen und nicht zu viel nachdenken, denn wie Caesar zu Cassius sagte: „Er denkt zu viel: Solche Leute sind gefährlich!“ Dann wird es eben „Mehr Inhalt, weniger Kunst!“ (Hamlet) geben. Und auch wenn‘s eventuell schwer wird, es „Komme, was kommen mag; die Stund‘ durchläuft den rauhsten Tag.“ (Macbeth) Und „Dies über alles: sei Dir selber treu und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage, du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.“ (Hamlet)
Was mir bei der Recherche als erstes klar wurde: das Leben des Schriftstellers von Weltruf ist eine Quelle von Mutmaßungen und Legenden. Keine der Biographien, die mir zur Verfügung standen, noch deren Quellen, verbürgen sich für ihre Aussagen. Teilweise heißt es gar, Shakespeare wäre ein Plagiator gewesen oder habe sich zumindest bei anderen Autoren mehr als nur inspirieren lassen. War Shakespeare eventuell eine Frau, die unter Pseudonym schrieb? Oder gar eine Gruppe von Schriftstellern, die im Namen des einen Dichters ihre Stücke verfasste? Da keine dieser Behauptungen zweifelsfrei belegt sind, entschied ich mich, für diesen Artikel von Shakespeare als eine männliche Figur auszugehen.
Denn, was schlussendlich auch immer der Wahrheit entsprechen mag, eines ist doch gewiss: William Shakespeare ist unbenommen der weltweit bekannteste Autor und wohl immer noch meistgespielteste Dramatiker auf den Bühnen dieser Erde. An vielen Schulen ist er Pflichtlektüre und „Romeo und Julia“ ist wohl eines der bekanntesten Liebespaare der Welt. Worauf gründet sich dieser Weltruhm? Auch dieser Frage möchte ich versuchen auf den Grund zu gehen.
Als ich mich letztens mit einem Schauspieler unterhielt, zitierte er eine längere Passage aus einem Stück von Shakespeare, die ihn an unsere momentane Situation erinnerte. „Magst du Shakespeare?“, fragte ich ihn. Er antwortete, dass er ihm einer der, wenn nicht sogar DER liebste Bühnenautor wäre. Auf die Frage nach dem Warum antwortete er: „Der hat irgendwie... alles.... und das in jedem Stück. Ich habe das Gefühl, dass es immer darauf hinausläuft, dass es kein Gut und Böse gibt und die Gegensätze aufgehoben bzw. miteinander vereint werden. Und dabei macht‘s auch noch verdammt viel Spaß.“ Nach längerem Überlegen fügte er hinzu: „Immer, wenn ich eines seiner Stücke lese, fühle ich mich, als würde ich mich von innen her säubern.“
William Shakespeare wurde laut Kirchenregister am 26. April 1564 in Stratford-on-Avon, Warwickshire, getauft. Sein Geburtstag ist auf den 23. April datiert, auch wenn es hierfür keine nachweisliche Quelle gibt. Obwohl Shakespeares Leben besser bezeugt ist als das vieler seiner Zeitgenossen, lässt sich seine Biographie nur in groben Umrissen rekonstruieren - besonders was die Zeit seiner späten Jugend betrifft.
Sein Vater, John Shakespeare, war ein angesehener Landwirt und Händler. Er wurde 1565 zum Stadtrat gewählt, war später Stadtverwalter (eine mit einem Bürgermeister vergleichbare Position). Aufzeichnungen berichten von einigen Fehlschlägen in den Geschäften des Vaters, die zwischenzeitlich wohl zu einer Verarmung der Familie führten. William´s Mutter, Mary Arden of Wilmcote, entstammte einem alten, aber unbedeutenden Adelsgeschlecht und war Erbin eines kleinen Stückes Land. Entsprechend des damaligen sozialen Gefüges dürfte die Heirat Mary Ardens für John einen Aufstieg in der lokalen Hierarchie bedeutet haben.
Die somit neugewonnene gesellschaftliche Stellung des Vaters erlaubte es, dass John Shakespeare seinem Sohn eine für die damalige Zeit außergewöhnlich hohe Bildung zuteil werden lassen konnte: Stratford-on-Avon besaß eine Schule von gutem Rufe und die Teilnahme war unentgeltlich, da der Unterhalt der Schule vom Bezirk getragen wurde. Diese Tatsache und die Amtsposition des Vaters lässt vermuten, dass William eine gute Ausbildung erhielt. Diese konzentrierte sich zur damaligen Zeit auf das Studium der lateinischen Sprache, Dichtung und Geschichte. William besuchte keine Universität - ob dies finanzielle Gründe hatte oder ob er einfach so schnell wie möglich dem „Ruf seiner Berufung“ Folge leisten wollte, kann heute nicht mehr beantwortet werden.
Im Jahre 1582 - im Alter von ganzen 18 Jahren - heiratete er die einige Jahre ältere Anne Hathaway. Wann genau und wo ist nicht detailliert bekannt, allerdings registrierte das bischöfliche Sekretariat von Worcester eine Schuldverschreibung (verbürgt von zwei Stratforder Bauern namens Sandells und Richardson) als Sicherheit für eine Heiratslizenz von William Shakespeare und „Anne Hathaway von Stratford“. Am 26. Mai 1583 wurde in Stratford Williams Tochter Susanna, am 2. Februar 1585 seine Zwillinge Hamnet und Judith getauft. Hamnet, Shakespeares einziger Sohn, verstarb im Alter von 11 Jahren. Seine Todesursache ist nicht bekannt.
Wann genau Shakespeare nach London übersiedelte, ist nicht gewiss. Es gibt einige Berichte - diese wurden jedoch erst lange nach seinem Tod schriftlich niedergelegt - die sowohl von Problemen mit dem lokalen Adel erzählen, als auch von Diebstählen, in die der junge Dichter während seiner ersten Zeit in London verwickelt gewesen sein soll. Andererseits ist allerdings auch von einer Tätigkeit als Schulmeister an der örtlichen Schule und verschiedenen anderen privaten Lehrtätigkeiten die Rede. Leider ist mir keine Biographie bekannt, die imstande wäre, genaue Aussagen über Shakespeares Wirken zwischen den Jahren 1585 und 1592 zu machen. Es gibt lediglich einige Stücke, deren vermuteter Entstehungszeitraum in die Zeit zwischen 1589 und 1592 datiert ist.
Was allerdings bekannt ist, ist, dass der Dichter im Jahre 1594 einer der Mitbegründer und Mitstreiter der „Lord Chamberlain´s Men“ war, die ab 1603 entsprechend einer Erlaubnis James I. den Namen „King´s Men“ erhielten. Diese Truppe besaß mit Richard Burbage den besten damaligen Schauspieler, später das beste Theater, nämlich das Globe, und den besten Dramatiker - William Shakespeare. Außergewöhnlich und bisher unüblich war hierbei, dass Shakespeare sich somit auf zwei Seiten bewegte, der darstellerischen und der des Schriftstellers. Dieser Tatsache verdanken die Stücke vermutlich ihre sehr psychologische und für Schauspieler gut nachvollziehbare Figurenzeichnung - schließlich wurden sie sozusagen vom Autor selbst auf ihre Spielbarkeit „getestet“.
Ab 1599 spielte die Truppe vor allem im eigenen, berühmten Globe-Theatre, bei dem Shakespeare auch finanzieller Teilhaber war. Shakespeare galt als gewandter Geschäftsmann. Aus seinem privaten Leben sind nur wenige Details bekannt, private Briefe sind nie ans Licht der Öffentlichkeit gelangt.
Ein Beweis für den steigenden Wohlstand Williams war 1596 die Bewilligung eines Familienwappens. Das Wappen prangt auf heute noch dem Shakespeare - Denkmal (in der vor 1623 errichteten Kirche zu Stratford). Außerdem erwarb er ein großes Haus am Rande Stratfords. Dorthin zog er sich 1611 zurück.
William Shakespeare starb am 23. April 1616. Er wurde im Chor der Gemeindekirche zu Stradford begraben.
Was macht die Faszination seiner Lyrik und vor allem der großartigen Theaterstücke bis zum heutigen Tag aus? Ich erachte am Shakespearschen Werk als besonders beeindruckend seine fortschrittliche Auffassung der Welt, die immer dazu mahnt, nach der Vereinigung der Gegensätze zu streben; das klassischste Beispiel ist auch hier wieder einmal „Romeo und Julia“ - die Entzweihung der beiden Familien, die zu nichts anderem als Tod und Verzweiflung führt. In seinem wunderschönen Gedicht „Venus und Adonis“ liefert der Dichter eine phantastische Beschreibung des menschlichen Dramas, welches das Gerüst seiner meisten Werke bildet. Der Mensch, hin- und hergerissen zwischen körperlichen Begierden und der wahren Liebe. Liebe im Sinne von Nächstenliebe und der Integration der Gegensätze in ihm selbst und der ihn umgebenden Welt.
So mahnt die Liebesgöttin den schönen Adonis:
„O lerne lieben! Leicht ja ist die Müh‘
Und kannst du‘s einmal, du verlernst es nie!
Die Lieb‘ hält Maß, die Lust hat nie genug;
Die Lieb‘ ist Wahrheit ganz, die Lust ganz Lug.
Denn wo die Liebe herrscht, kommt mit Geschrei
Die Eifersucht, und nennt sich ihren Hort;
Macht blinden Lärm gleich, spricht von Meuterei,
Und ruft sogar in Friedenszeiten: „Mord, Mord!““
Einige gute Beispiele für Menschen, die „nie genug“ haben: Lady Macbeth, dieses blutrünstige, machthungrige Weib - Richard der Dritte als die Inkarnation des Bösen schlechthin - Falstaff, der alternde Lustmolch, und viele andere Figuren mehr. Auch enden Shakespeares Dramen oft in „Mord, Mord!“: Macbeth - ein Blutbad, seine Königsdramen - Schlachtenfeste. Andererseits bieten die shakespearschen Komödien eine wunderbare Unterhaltung, die einen jedoch nie die inhaltliche Tiefe vermissen lassen und die seine Stücke zu einem so außergewöhnlichen Erlebnis machen. Wahrscheinlich liegt hierin Shakespeares größte Qualität: Universelle Themen, die bis zum heutigen Tag Bestand haben - Mord und Todschlag, Liebe und Lust, die Frage nach unserer wahren Herkunft, unserer Bestimmung, das Streben nach der Wahrheit und natürlich eine starke Portion Humor. Eigentlich haben seine Stücke alle Zutaten, die sich eine große Hollywood Kinoproduktion nur wünschen kann. Dementsprechend lang ist auch die Liste seiner verfilmten Werke: Alleine vom „Hamlet“ gibt es 12 Verfilmungen, „Romeo und Julia“ wurde bereits sechs Mal als Kinofilm adaptiert und „Othello“ erfuhr im Jahr 2000 mit der Hollywoodadaption „O“ seine fünfte filmische Auferstehung, um nur einige zu nennen. Weit über hundert Maler haben sich von seinen Werken zu Illustrationen inspirieren lassen und auch in der Musik wird sein Einfluss deutlich: „Othello“ und „Macbeth“ wurden von Verdi als Oper vertont, ein wunderbares Ballett ist „Romeo und Julia“ von Sergei Prokofiew, „der Sommernachtstraum“ in der Vertonung von Henry Purcell ist ein weiteres bekanntes Exempel und später benutzte der Komponist und Dirigent Leonhard Bernstein das Thema von „Romeo und Julia“ für sein weltberühmtes Musical, die „West Side Story“. Auch bei modernen Komponisten finden sich einige von Shakespeare inspirierte Kompositionen, wie zum Beispiel der „Hamlet“ von Hermann Reutter.
Obwohl zu Shakespeares Zeiten von dem Begriff Psychologie noch keine Rede war, ist die Zeichnung seiner Figuren auf eine Art und Weise psychologisch, die in der Literatur bis heute Seinesgleichen sucht. So sagte Thomas Mann in einem Interview einer schwedischen Tageszeitung: „Shakespeare ist meiner Meinung nach der größte Psychoanalytiker, der je gelebt hat.“
Viele Kollegen des Dichters hielten ihn in großen Ehren. So schrieb Johann Wolfgang Goethe über den Hamlet: „(Wir) überzeugen uns abermals, dass Shakespeare, wie das Universum, das er darstellt, immer neue Seiten biete und am Ende doch unerforschlich bleibe: Denn wir sämtlich, wie wir auch sind, können weder seinem Buchstaben noch seinem Geiste genügen.“
Aber lassen sie sich durch so hohes und durchaus qualifiziertes Lob nicht davon abschrecken, sich mit Shakespeares Werken zu beschäftigen: Shakespeare ist weit, tief und groß und Shakespeare macht Spaß. Für den Neueinsteiger ein kleiner Tip: geben Sie nicht so schnell auf, man muss sich erst einlesen, bis man den Stil und die phantastischen Geschichten genießen kann, aber ich verspreche Ihnen: Seine Werke sind eine wahre Freude, spannend und eine große Erbauung.