Das Neue Zeitalter: Wer war Sariputa




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Wer war Sariputa

Es mag mir in dem folgenden Artikel mit Sicherheit nicht gelingen, in seiner Ganzheit zu erfassen und zu erläutern, wer dieser große Meister gewesen ist, wie er war und was er gelehrt hat. Es würde mich jedoch freuen, wenn ich dem Leser einen gewissen Eindruck darüber vermitteln könnte, wie es dazu kam, daß sich Sariputta auf den Weg zur Erleuchtung machte, und von welcher Art die Lehre war, die ihn zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten innerhalb der Geschichte des Buddhismus werden ließ.

Er wurde in einem Dorf namens Upatissa geboren. Da seine Familie ein hohes Ansehen genoß wurde er nach dem Namen des Dorfes benannt. In einem nahegelegenen Ort wurde zur gleichen Zeit sein Freund und spiritueller Weggefährte Mahamogallana unter dem Namen Kolita geboren. Beide sollten zu einem späteren Zeitpunkt vom Budhha Gautama zu dessen Hauptjüngern bestimmt werden.

Die beiden verbrachten seit früher Kindheit viel Zeit miteinander. Als sie schon älter waren, wohnten die beiden jungen Männer dem Bergfest bei, wie es einmal im Jahr üblich war. Nur diesmal war etwas anders: Während des Festes, das für die zwei in den Jahren zuvor mit großer Freude verbunden war, stieg in beiden inmitten des Trubels zur gleichen Zeit folgender Gedanke auf: „Was gibt es hier eigentlich zu sehen? Bevor diese Schauspieler hundert Jahre alt geworden sind, sind sie schon längst tot. Sollten wir nicht nach einer Lehre suchen, die zur Erlösung führt?“ Nachdem sie einander von ihren gegenseitigen Empfindungen berichtet hatten, faßten sie den Entschluß, ihre Familien zu verlassen und sich gemeinsam als Wanderasketen auf die Suche nach der Befreiung zu begeben.

Den ersten Teil ihrer Schulung erhielten sie bei einem Wanderasketen namens Sanjaya. Da sie jedoch bereits nach kurzer Zeit die gesamte Lehre ihres Meisters erfaßt hatten ohne bis zur letzten universellen Wahrheit durchgedrungen zu sein, entschlossen sie sich, ihn zu verlassen und sich weiter auf die Suche zu begeben. Ihre weiteren Reisen führten sie durch ganz Indien, zu allen Weisen und Heiligen von deren Lehre sie etwas zu erfahren hofften. Doch im Gespräch gelangte jeder der aufgesuchten Asketen und Brahmanen an seine Grenzen und keiner von ihnen konnte die beiden Suchenden im Gespräch davon überzeugen, daß er den Weg zur Todlosigkeit kennt.

Nach einiger Zeit hatten die beiden Freunde sich getrennt, um die Suche intensiver gestalten zu können: Sobald einer einen überzeugenden Meister gefunden hätte, wollte er den anderen informieren, um sich daraufhin gemeinsam in dessen Lehre zu begeben.

Nun traf eines Tages Upatissa auf einen Mönch namens Assaji, der anders wirkte als alle zuvor getroffenen. Als er sich dem Bettelmönch mit aller gebührenden Ehrerbietung näherte, berichtete ihm dieser von der Ankunft eines großen Meisters. Nach einem kurzen Gespräch rezitierte Assaji diese Verse über seinen Lehrer, der sich im weiteren Verlauf als der Buddha Gautama erweisen sollte:

„Von den bedingt entstandenen Dingen,

Kennt der Tathagata die Ursache,

Und auch wie sie wieder aufhören:

Das ist die Lehre des großen Eremiten.“

Als der junge Upatissa diese Zeilen hörte, erlangte er einen Zustand, den die Buddhisten als den „Stromeintritt“ bezeichnen. Es ist im buddhistischen Sinne das erste Stadium des Erwachens im wahren spirituellen Verständnis. Der Suchende hat sich somit auf den achtfachen Pfad (die rechte Sicht, das rechte Denken, die rechte Sprache, das rechte Handeln, die rechte Lebensweise, die rechte Hingabe, die rechte Achtsamkeit und die rechte Versenkung) begeben der ihn unumkehrbar zum Nirvana, zur höchsten Erkenntnis, zur Erleuchtung führt.

Nachdem Upatissa seinem Freund von der Begegnung berichtet hatte, entschlossen sich die zwei, den Buddha aufzusuchen um unter ihm die Ordination zu bekommen.

Als Buddha sie ankommen sah, sagte er: „Diese beiden Freunde, Upatissa und Kolita, die jetzt zu uns kommen, werden meine Hauptjünger sein, ein ausgezeichnetes Paar.“ Sie erhielten beide die Ordination und Upatissa wurde unter dem Namen Sariputta, Kolita mit dem Namen Mahamogallana in den Sangha, die spirituelle Gemeinschaft, aufgenommen.

Während einer Lehrrede des Buddha -  Sariputta fächelte seinem Meister hinter ihm stehend Luft zu – erreichte der junge Mönch die Erleuchtung („Das vollkommene Wissen, und die Arahatschaft zusammen mit dem vierfachen analytischen Wissen“). Dies geschah einen halben Monat nach seiner Ordination. Nun mag der Leser fragen, warum Sariputta - bei dessen Vorbildung und Entschlossenheit - nicht früher bis zur höchsten Wahrheit vorgedrungen war? Sein junger Freund Mogallana erreichte den Zustand der Erleuchtung bereits eine Woche nach seiner Ordination! Das Buch „Die Jünger Buddhas“ auf das ich mich beziehe beschreibt es ungefähr so: Will ein armer Mann auf Reisen gehen, so packt er seine wenigen Habseligkeiten zusammen und macht sich auf den Weg - im Falle eines Königs aber braucht es seine Zeit, bis er und sein Gefolge zur Abfahrt bereit sind. Später fragte ihn einmal sein Freund Moggallana, wie es ihm bei der Erlangung des Nirvana ergangen sei. „Es gebe vier Wege:“, sagte er „ den mühsamen Weg verbunden mit langsamer Durchschauung, den mühsamen Weg verbunden mit schneller Durchschauung, den mühelosen Weg verbunden mit langsamer Durchschauung und den mühelosen Weg verbunden mit schneller Durchschauung“, und er fragte, auf welchem dieser vier Wege Sariputta zum Nirvana gelangt sei. "Mühelos und mit schneller Durchschauung", erwiderte Sariputta.

Noch am Abend des Tages von Sariputtas Erleuchtung wurden ihm und seinem Weggefährten Mahamogallana durch den Buddha der Rang von Hauptjüngern verliehen. Er entsprach damit dem Wunsch, den die beiden in vorangegangenen Leben geäußert hätten. „Eine Unermeßliche und einhunderttausend Weltzeitalter“ lag es nämlich zurück, daß Sariputta als Asket von einer frühen Inkarnation des Buddha besucht wurde. Zu diesem Anlaß hielt er eine Woche einen Blumenbaldachin über den Kopf des Erleuchteten, um diesen zu ehren. Nachdem er die Lehrrede des damaligen Hauptschülers vernommen hatte bat er den Meister darum, in der Zukunft dieselbe Stellung einnehmen zu dürfen.  Und so wurde, nachdem Buddha einen Blick in die Zukunft geworfen hatte, der Wunsch gewährt.

Den Überlieferungen zufolge gibt es viele Überschneidungspunkte in den vorherigen Leben des Bodhisattas und dem des später Sariputta genannten. Beispielsweise erschien der Budhha in Gestalt eines Hirsches mit seinen späteren Hauptjüngern als Söhnen; er war eine königliche Gans und wieder war er der Vater der beiden. In dieser Inkarnation rettete er seine Jungen vor dem Tod, als diese bei dem Versuch, die Sonne in ihrem Lauf zu besiegen, abzustürzen drohten. Um ein Beispiel an moralischem Verhalten und Großzügigkeit zu geben, war der Ehrwürdige in der Inkarnation eines Hasens bereit sich für einen hungrigen Brahmanen in dessen Feuer zu stürzen, um sich für ihn als Mahlzeit zu opfern. Sariputta wahr zu dieser Gelegenheit als Affe anwesend. Es kam auch vor das Sariputta zusammen mit seinem Freund Mogallana dem Meister das Leben retteten: Als sich beispielsweise der Erhabene in Gestalt  eines Hirsches in einer Schlinge verfangen hatte, kamen ihm Mogallana in der Gestalt einer Schildkröte und Sariputta als Specht zu Hilfe und gemeinsam befreiten sie ihn von den Fesseln.  Oft nahm der Bodhisatta das Leben eines Asketen an, dem sich Sariputta in der Folge anschloß. Sie traten als Pferd (Sariputta) und Reiter (Budddha) und noch in vielen anderen speziellen Inkarnationen auf. Jede ihrer gemeinsamen Inkarnationen weißt einen Lehrhaften Charakter auf.

Und so erschienen sie schlußendlilch bei ihrer letzten Wiedergeburt als Sariputta und als der Buddha Gautama.

Man mag sich fragen, wozu ein Vollerleuchteter es überhaupt nötig hat, zwei Hauptjünger zu ernennen. Nun, nötig hat er es bestimmt nicht, sondern er gewährleistete mit der Hilfe eben dieser Hauptjünger, die höchstmögliche Verbreitung seiner Lehre und macht die beiden zu einem Vehikel der spirituellen Umwandlung und Befreiung für möglichst viele Wesen sowohl menschlicher als auch göttlicher Natur. Sie sollen den Meister sozusagen für alle möglichen spirituellen Tätigkeiten freihalten, sie dienen als Vorbilder für die anderen Mönche und helfen bei der Verwaltung der Gemeinschaft, sollte der Meister einmal abwesend sein. Höchste Autorität bleibt jedoch immer der Buddha. Dies ist allerdings in keinem Falle mit blindem Gehorsam zu verwechseln.

Hauptjünger zu sein bedeutet vor allem, große Verantwortung zu übernehmen, sich die Last des Mitleides des Meisters mit der Welt zu teilen um auf diese Art aufs Engste mit ihm zusammenarbeiten zu können.

Falls einer der Leser einmal einen Budhha als Bildgestalt oder auf einem Gemälde gesehen hat, zu dessen rechten und linken sich zwei Personen befinden, so ist mit dem einen Sariputta (rechts) und mit dem anderen Mahamamogallana (links) dargestellt.

Der rechte Jünger wird gemeinhin als der dem Buddha am nächsten stehende bezeichnet. Er zeichnet sich besonders durch seine große Weisheit aus. Hiermit obliegt es ihm, seinem Meister einen Großteil  der Unterweisungen abzunehmen und ihn somit zu entlasten.

Das Zusammenspiel und die Wirkung der beiden Hauptjünger beschrieb der Buddha wie folgt:

„Tut euch ihr Mönche mit Sariputta und Mogallana zusammen

und bleibt in ihrer Gesellschaft! Sie sind weise Bikkhus und

Helfer ihrer Ordensbrüder. Sariputta ist wie eine Mutter, die

gebiert, und Mogallana wie eine Amme, die das neugeborene

Kind nährt. Sariputta führt seine Jünger zur Frucht des Stromeintritts,

und Mogallana geleitet sie zum höchsten Ziel.“

(aus dem Saccavibhanga – Sutta)

In einem Kommentar zu dieser Ausführung des Buddha heißt es zur näheren Erläuterung:

„Wenn Sariputta Schüler annahm, ganz gleich, ob er oder andere sie ordiniert hatten, so umsorget er sie in materieller und in spiritueller Hinsicht. Er pflegte sie, wenn sie krank waren, gab ihnen ein Meditationsthema, und wenn er schließlich wußte, daß sie den Stromeintritt erlangt hatten und den Gefahren der niederen Welten entronnen waren, entließ er sie mit folgenden Gedanken: <Nun können sie mit eigener Kraft die höchsten Stufen der Heiligkeit erreichen.> Von diesem Punkt machte er sich keine Sorgen mehr um ihre Zukunft und widmete sich neuen Gruppen von Jüngern.“

Sariputta war in jedem Sinne bemüht den Sangha zu schützen und auf jede erforderliche Weise für seine Überzeugung und den Orden einzustehen. Er half den Kranken, indem er sich mit ihnen unterhielt oder Kräuter für deren Heilung sammelte. Er inspizierte das Kloster regelmäßig auf seine Sauberkeit hin, so daß kein Besucher schlecht über die Mönche sprechen konnte. Es konnte sogar passieren, daß er selbst fegte, sofern er eine ungefegt Stelle fand. Seine Art war geprägt von einer außerordentlichen Bescheidenheit und großer Selbstbeherrschung. Wenn er mit dem Buddha unterwegs war, führte er nicht etwa die Gruppe an, stolz, der Hauptjünger zu sein, sondern er kümmerte sich um die alten, die ganz jungen oder um die Kranken, indem er ihre Wunden mit Öl behandelte. Er war ein meisterliches Beispiel an Mitgefühl und Bescheidenheit. Als ihn ein siebenjähriger Novize einmal darauf hinwies, daß ein Zipfel seines Untergewandes zu sehen war, trat er beiseite ordnete sein Gewand, faltete vor dem kleinen Jungen die Handflächen und sprach in einer Verbeugung: „Nun ist es wieder in Ordnung, Lehrer!“ Als Kommentar zu dieser Begebenheit wird Sariputta folgender Ausspruch zugeschrieben:

„Wenn mich jemand, der im Alter

von sieben Jahren in die Hauslosigkeit gezogen ist,

etwas lehren sollte, so nehme ich dies mit gesenktem Haupt an.

Ihm gegenüber zeige ich meinen Eifer und meine Ehrerbietung.

Möge ich ihn stets als Lehrer betrachten.“

Diese demütige Haltung ist jedoch nicht mit so etwas wie Schüchternheit zu verwechseln. Als er eines Tages von einem verleumderischen Mönch des Hochmuts bezichtigt wurde ließ er seinen „Löwenruf“ erschallen. In einer großen Mönchsversammlung beschrieb er den Anwesenden die Art seines eigenen Wesens und seiner Tugendhaftigkeit: Er verglich seine Freiheit von Hass und Zorn mit der Geduld der Erde, die alle Dinge aufnimmt, reine und unreine. Er verglich seine Geistesruhe mit einem Stier, dessen Hörner abgesägt wurden, mit einem jungen Ausgestoßenen, mit Wasser, Feuer und Wind und der Läuterung. Er  verglich die Belästigung, die er durch das Vorhandensein seines Körpers empfand, mit der Belästigung durch Schlangen und Kadaver. In neun Gleichnissen beschrieb er seine Tugenden und neunmal bestätigte die Erde die Wahrheit seiner Worte. Die ganze Versammlung war von der majestätischen Kraft seiner Worte bewegt.

Hierauf entschuldigte sich der von Gewissensbissen geplagte Mönch bei dem großen Meister und dieser vergab ihm mit den Worten: „Ehrwürdiger Herr, ich verzeihe diesem Mönch gerne. Möge auch dieser ehrwürdige Mönch mir verzeihen, wenn ich ihn  in irgendeiner Weise verletzt haben sollte.“

Zu den Anwesenden Mönchen, die von dessen Güte und  der Losgelöstheit von Hass und Zorn beeindruckt waren sagte der Buddha: „Mönche, es ist Sariputta und seinesgleichen nicht möglich, Zorn oder Hass zu hegen. Sariputtas Geist ist wie die große Erde, fest wie ein Torpfosten, einem stillen Wasser ähnlich.“

Es wird von ihm gesagt, das ihm stets ein wahres Interesse an allen Lebewesen zuteil war und das er somit seinen Schülern nicht nur ein herausragender Lehrer sondern in gleichem maße auch ein Freund war. Er war kein kalter reservierter Perfektionist, sondern in ihm ging höchste Spiritualität eine Verbindung mit den besten menschlichen Eigenschaften ein.

Sariputta war in der Lage, sein Gegenüber in seiner Ganzheit zu erkennen und es durch Lob, Kritik und rechte Weisung zu fördern. Er war stets bereit sich kritisch gegenüber dem anderen zu äußern und ihm somit zu der nötigen Einsicht und zu Wachstum zu verhelfen. Auf diese Weise gelangten viele Suchende zu Lebzeiten und durch die Überlieferungen seiner Lehrreden auch noch nach seinem Tode durch ihn zu hohen Einsichten oder sogar zur höchsten Einsicht, der Erleuchtung selber.

Während Sariputta bis heute zu den großen Weisheitsgelehrten gehört, galt er für seine erfolgreiche Mutter als Versager. Er hätte ein angesehener Politiker oder einflussreicher Kaufmann werden können, und doch zog er das mittellose Leben auf der Straße, die Existenz als Bettelmönch einer gesellschaftlichen Karriere vor.

Sariputta nutzte die Gelegenheiten, bei denen er in seiner Heimatstadt vorbeikam, um seine Familie zu besuchen. Seine Mutter freute sich zwar, ihn wiederzusehen, reagierte aber mit bei jedem aufeinandertreffen mit heftigen Vorwürfen.

Man kann sich den Dialog wie er aus Überlieferungen beschrieben wird wie folgt vorstellen:

„Ach, der Sohn gibt sich auch einmal wieder die Ehre. Komm rein. Laß uns deine Rückkehr feiern. Ich hoffe doch, du hast genug von dem ärmlichen Leben auf der Straße. Bist du endlich gekommen, das Leben zu führen, das dir zusteht?“

„Nein Mutter, ich war nur gerade in der Gegend und wollte es nicht versäumen, dich und meine Brüder zu besuchen. Ich dachte, es würde euch freuen, mich wieder zu sehen.“

„Natürlich freut es mich, dich wieder zu sehen. Aber wieso willst du denn wieder weg? Nun gut, du sagst du habest die Wahrheit gefunden. Schön, nimm sie, aber komm endlich zurück, du gehörst nicht zu den Bettlern und Unberührbaren auf die Straße, du bist von nobler Herkunft. Und wie du wieder aussiehst. Hast du denn keine elegantere Kleidung? Soll ich dir etwas anfertigen lassen? So kannst du doch nicht unter die Leute gehen!“

Kurz und gut: Die Besuche bei seiner Mutter waren anstrengend. Und doch unternahm er sie immer wieder, in der Hoffnung auch ihr etwas von der Schönheit und der Erhabenheit der Lehre des Buddha vermitteln zu können. Doch leider sperrte sie sich völlig für die Inhalte dieser Lehre. Sie schien nur an Vordergründigem und Äußerlichem interessiert zu sein. Ein so guter und geduldiger Lehrer er den Mönchen war, ein so erfolgloser aber geduldiger Weiser schien er in den Begegnungen mit Rupasari, seiner Mutter.

Doch während diese immer sofort abblockte, wenn er auf die Lehre zu sprechen kam, interessierten sich seine Brüder dafür, was das denn war, wovon Sariputta so fasziniert war, daß er das Luxusleben hinter sich gelassen hatte und in die Armut gezogen war. Wenn ihre Mutter nicht zugegen war, ließen sie sich daher von Sariputta in die Geheimnisse des Dharma einweihen. Und hier hatte Sariputta Erfolg. Wenn er seine Heimat wieder verließ, pflegten sich ihm ein oder zwei seiner Brüder anzuschließen. So war Rupasari schließlich die Mutter von sieben Erleuchteten, jedoch totunglücklich darüber, daß sie alle ihre Söhne „verloren“ habe.

Als Sariputta sich die Frage stellte, ob es seiner Mutter an irgend etwas fehlte, um auch an Buddha, Dharma und Sangha zu glauben, erkannte er bei genauerer Untersuchung, daß sie alle Eigenschaften hatte, um unwiederbringlich auf den Weg zur Erleuchtung zu gelangen. Ihr, der er so viel verdankte wollte er helfen, wie er so vielen Menschen geholfen hatte. Schließlich war sie es, die ihm das Leben geschenkt, die Mutter die ihn gesäugt hatte. Doch bisher war jeder Versuch sie in die Lehre einzuweihen von ihr verhindert worden. Der Grund schien darin zu liegen, daß es für sie eine unabdingbare Voraussetzung zum Zuhören zu sein schien, daß er wieder zurück in sein Elternhaus ging, daß er also dem Leben auf der Straße entsagte.

So kam ihm im letzten Lebensjahr des Buddha der folgende Gedanke. „Der Erhabene ist alt und krank“, sagte er sich, „nicht mehr lange wird der Buddha unter uns sein. Was ist mit mir? Geziemt es sich für die Hauptjünger des Buddha vor ihm oder nach ihm zu sterben?“

Er kam zu der Ansicht, daß die Hauptjünger vor dem Buddha sterben würden. Dann betrachte er seinen Körper und seinen Geist in der Meditation und erkannte, daß ihm nur noch wenige Wochen verblieben waren.

Also begab sich Sariputta mit 500 seiner Schüler zum Buddha und sprach: „O Herr, die Zeit für mich ist da, ins Nibbana eintreten zu dürfen, möget Ihr mir die Erlaubnis dazu erteilen, ich habe die Lebenskraft aufgegeben.“

Der Buddha sah Sariputta eine Weile schweigend an, dann nickte er und sagte: „Wo willst du das Nibbana erreichen?

„Im Lande Maghada, im Dorfe Nalaka, in dem Zimmer, in dem ich geboren wurde.“

„Tu, was du tun mußt, Sariputta, aber halte den Mönchen eine letzte Rede, sie werden nicht mehr das Glück haben, einen Mönch wie dich zu hören.“

Nach der Rede und dem Abschied vom Buddha und von der Mehrheit der Mönche machte sich Sariputta mit nur wenigen Mönchen im Gefolge auf den Weg nach Nalaka. Doch unterwegs schlossen sich ihnen weitere an.

Am Stadttor von Nalaka traf es seinen Neffen Uparevatta und fragte: „Ist deine Großtante zu Hause?“ Und als dieser bejaht hatte, trug er ihm auf: "Sag deiner Großtante, daß ich da bin. Bitte sie, mein Geburtszimmer herzurichten und teile ihr mit, ich brauche Unterkunft für fünfhundert Mönche.“

Sie ließ das Lager für die Mönche bereiten und richtete das Geburtszimmer her. Doch kaum daß Sariputta eingetroffen war, befiel ihn eine schwere Krankheit, die Ruhr, und er hatte arge Schmerzen.

Rupasari, die gerade ihren Sohn heimkehren sah und ihn jetzt so leidend vorfand, war in einem Wechselbad der Gefühle. Und dies um so mehr, als sich merkwürdige Dinge ereigneten: Viele hohe Wesen erschienen, um Sariputta zu sehen, Wesen mit königlicher Kleidung, Wesen die ein Strahlen umgab. Und wenn sie die Wesenheiten fragte, was sie denn des Weges führte, so sagten diese: "Wir wollen deinen kranken Sohn während seiner Krankheit pflegen." Rupasari war höchst verwundert, ob dieser edlen Besucher, die so offensichtlich ihrem Sohne dienten, den sie immer für einen einfachen Bettler gehalten hatte. Schließlich ging sie zu ihrem Sohne und erkundigte sich, wer diese Leute seien.

„Es sind die Vier Großen Könige Mutter.“

„Sie sind gekommen um zu dienen? Bist du denn größer als sie?“

„Sie sind wie Tempeldiener.“

Ehrfürchtig zog sie sich zurück. Und als ein noch wunderbareres Wesen erschien und wieder gegangen war, fragt sie abermals:

„Sariputta, wer war das?“

„Da war Sakka, der König der Devas.“

„Bist du denn größer als der König der mächtigen Devas?“

„Er ist wie ein Novize, der die Habseligkeiten eines Mönches trägt.“

So ging es noch einige Zeit fort.

Schließlich kam ein Wesen von außergewöhnlichem Glanz. Und abermals erkundigte sie sich.

„Aber Mutter, den müßtest du als Hindu doch kennen, das ist Maha Brahma, der höchste Gott der Hindus, den ihr den Schöpfer des Himmels und der Erde nennt.“

Da dachte sie sich: „Wenn selbst der höchste Gott ganz Indiens kommt um meinem Sohn zu dienen, wie mächtig muß dann erst sein Meister, dieser Buddha sein?“ Und plötzlich durchfuhr sie ein nie gekanntes Glück und eine tiefe Freude. Und Sariputta erkannte: „Glück und Freude sind in ihr entstanden, jetzt ist die Zeit gekommen, ihr den Dharma zu lehren.“

So lehrte Sariputta seiner Mutter den Dharma. Da seine Lehrkraft gewaltig und ihr Herz offen war, erreichte sie noch während der Belehrung den Punkt, von dem an ein Erreichen der höchsten Erleuchtung sicher ist (Stromeintritt). Und verwundert sagte sie: „Mein Lieber, warum hast du mir all die Jahre dieses köstliche Wissen, das die Schönheit jenseits von Tod und Leben zeigt,  vorenthalten?“ Sariputta antwortete nichts. Er lächelte. Er sagte nie wieder etwas. Es war die Nacht seines Todes. Aber er dachte bei sich: „Es ist gelungen. Was ich so lange versuchte, es ist endlich geglückt. Ich habe meiner Mutter, das Stillgeld dafür gezahlt, daß sie mich großgezogen hat. Sie hat mir das Beste gegeben, was sie hatte, Leben und Fürsorge. Jetzt habe ich ihr das Beste gegeben, das ein Mensch nur geben kann: den Dharma.“

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