Die Auflösung der Teilpersönlichkeiten -
Das Erscheinen der Gesamtpersönlichkeit
Sof hat in diesem Monat mit Feroniba die 47. Sitzung abgehalten, allerdings ohne sie wie gewohnt schriftlich festhalten zu lassen. Feroniba hat uns, seinen Schülerinnen Feratonis und Amonasi, die Inhalte mit dem Wunsch vermittelt, diese anhand seiner Erläuterungen und unserer eigenen Verwirklichung zu formulieren und zu veröffentlichen. Innerlich haben wir uns für Sof und Sig geöffnet, damit sie uns die passenden Worte eingeben konnten. Zum besseren Verständnis empfehlen wir, den Artikel „Teilpersönlichkeitsarbeit - Auf dem Weg zum multidimensionalen Bewusstsein“ aus der Terasof Ausgabe vom April 2004 zu lesen.
Die menschliche Existenz zeichnet sich durch eine immerwährende Suche nach dem Sinn des Lebens und der Antwort auf die Frage, wer man wirklich ist, aus. Jeder Mensch möchte sich selbst verwirklichen. Doch mal will man das Eine, dann das Andere. Mal fühlt man sich so, dann wieder ganz anders. Dann identifiziert man sich mit diesem, dann mit jenem. Wenn man das Eine hat, dann will man schon das Nächste. Es gibt so viele Wünsche und Vorstellungen, die in ganz unterschiedliche, oft unvereinbare Richtungen gehen. So gelangt man nie wirklich ans Ziel, an einen Punkt, wo man sagt: „Das bin ich.“, an dem innerer Frieden und Einklang herrscht.
Es sind die Teilpersönlichkeiten, welche das „ICH BIN“ wie einen Ball umher werfen - vom Einen zum Anderen - wie in einem Footballspiel. Jedes Mal, wenn der Ball von Spieler zu Spieler wechselt, ändert sich die Überzeugung, wer man glaubt zu sein und was man meint erreichen zu wollen. So folgt man ständig einer neuen Identifikation und kommt bei der Suche nach dem, wer man wirklich ist, nie ans Ziel. Es ist ein Spiel der Teilpersönlichkeiten, damit man ihnen Aufmerksamkeit schenkt, wodurch sie überhaupt existieren können. Jede von ihnen stellt nur einen Teil dar und umfasst nicht das „ICH BIN“, deshalb können sie die Frage, wer man wirklich ist, niemals beantworten. Wie bei dem Footballspiel befinden sich alle Spieler, die Teilpersönlichkeiten, auf dem Spielfeld im Wettstreit um den Ball, das „ICH BIN“, und rennen ihm hinterher. Von Zeit zu Zeit prallen dann viele oder sogar alle Spieler zusammen und schmeißen sich auf den Ball (eine bekannte Szene aus jedem Footballspiel). Das sind die großen Krisenzeiten im Leben, die Mid Life Crisis, ein Nervenzusammenbruch, Depressionen, schlagartige Veränderungen der Lebensumstände, Krankheiten, Schicksalsschläge oder einfach eine handfeste Winterdepression, um nur einige Beispiele zu nennen.
Der Mensch kann sich objektiv betrachten und getrennt von der realen Situation Überlegungen anstellen, seine Handlungsmöglichkeiten erwägen und versuchen die jeweiligen Folgen abzuschätzen. Hinter jeder der verschiedenen Möglichkeiten steht eine Teilpersönlichkeit, die versucht den Menschen von seiner Variante zu überzeugen. Solange der Mensch in Teilpersönlichkeiten gespalten ist und deren unterschiedliche, sich widersprechenden Zielen verfolgt, ist er nicht authentisch. Es steht jeweils eine Teilpersönlichkeit im Zentrum des menschlichen Bewusstseins und alle anderen Teilpersönlichkeiten wirken auf diese ein und versuchen, die Aufmerksamkeit in ihre Richtung zu ziehen. Eine Teilpersönlichkeit wird als authentisch akzeptiert und gelebt, alle restlichen werden diplomatisch behandelt oder unterdrückt bzw. verdrängt, nicht gezeigt oder gelebt. Warum hat man sich auf das Spiel der Teilpersönlichkeiten überhaupt eingelassen? Warum ist man nicht einfach authentisch?
Der Schlüssel ist die Angst. Dort liegt der größte Schatz verborgen, in der Angst vor den absehbaren oder vermuteten Folgen der Umsetzung der authentischen Wünsche. Man will die eventuell unerwünschten Folgen nicht ansehen oder erleben. Deswegen erkennt man sie nicht mehr als authentisch, als zu einem gehörend, an und setzt lieber auf Nummer „sicher“, in dem man diesen Wünschen gar nicht erst folgt oder diplomatische Umwege zu ihrer Erfüllung sucht und ausprobiert. Die Furcht vor einem erhöhten Risiko oder ablehnenden Reaktionen seitens der Familie, der Freunde, der Gesellschaft oder von anderen Teilpersönlichkeiten ist größer als der Wunsch nach Authentizität, so dass man schließlich sicherer erscheinende oder gesellschaftlich anerkannte Aktivitäten bevorzugt. So gerät man in das Wechselspiel der Teilpersönlichkeiten, die alle bedingt oder begrenzt sind. Jede erzählt einem etwas anderes darüber, wer man ist und was man möchte. Mal ist die eine Teilpersönlichkeit stärker und mal die andere, je nachdem welche Folgen man aus der Umsetzung des jeweiligen Wunsches vermutet und nicht riskieren will. Da man als eine Person jedoch nur eine Aktivität ausführen kann, lebt man „authentisch“ die eine Teilpersönlichkeit aus, während man gleichzeitig diplomatisch ist, weil alle anderen Teilpersönlichkeiten und ihre Forderungen passiv vorhanden sind. Sie sind da und ein Teil von einem, doch man zeigt und lebt sie nicht. So existieren Authentizität und Diplomatie immer parallel. Man lebt authentisch die eine Teilpersönlichkeit, während man alle anderen diplomatisch zurückhält. Man ist authentisch und diplomatisch zugleich. Auf diese Weise zerstören die Teilpersönlichkeiten mit ihrem Spiel immer wieder das Selbstbild, das sich der Mensch aufgebaut hat.
Zum Beispiel entscheidet sich ein Mann, einfach nur ein guter Bankangestellter zu sein und seine Familie zu ernähren. Dann fordern andere Teilpersönlichkeiten Freiheit und Abenteuer und führen den Bankangestellten dazu, seine Existenz über den Haufen zu werfen und ihren Wünschen zu folgen. Nun bricht der Bankangestellte und Familienvater entsprechend der dominanten Teilpersönlichkeiten in den Dschungel auf, um Freiheit und Abenteuer zu erleben. Nach einigen Tagen ist er tief in den Dschungel vorgedrungen. Plötzlich erscheint ein Löwe vor ihm, der sich aufgrund der Anwesenheit des Mannes gereizt fühlt und ihn angreift. Im Gegensatz zum Menschen sind Tiere immer eins mit ihrer Handlung, sie können nicht über verschiedene Handlungsspielräume reflektieren. So ist der Löwe in seinem Angriff absolut authentisch. Ein ebenso authentischer Mensch würde sich nicht gegen den Löwen wehren, denn er identifiziert sich mit seinem ewigen Aspekt der Seele und sieht in allem Gott; auch in dem angreifenden Löwen. Er würde keine Angst haben und einfach die Situation auf sich zukommen lassen und sehen, was Gott mit ihm vor hat. Er fürchtet weder den Tod, noch das Leid einer Verletzung oder einen bleibenden Schaden, auch darin sieht er Gott und damit eine für ihn bestimmte Aufgabe, wie er sie in allen Dingen sieht. Auch bedeutet sich zu wehren eine große Anstrengung, und die Kraft des Menschen steht nicht im Verhältnis zu der des Löwen. Aufgrund bedingter Sichtweisen - zum Beispiel, dass man sich mit dem Körper identifiziert, nicht Gott in dem Löwen sieht sondern das „Böse“ - greift unser Mann nun doch zu seinem Speer, um sich zu verteidigen. Auch fällt ihm seine Familie und die damit verbundene Verantwortung ein und als Familienvater kommt er zu dem Schluss, sein Leben retten zu müssen, um zu seiner Familie zurückzukehren. Diese beiden Teilpersönlichkeiten, jene, die nicht leiden will, und der verantwortliche Familienvater, sind nun nicht mehr im Einklang mit der authentischen Haltung des Mannes, sich nicht zu wehren. Hinzukommt eine weitere Teilpersönlichkeit, die ihm bewusst macht, dass er als einzelner Mann mit einem kleinen Speer nichts gegen einen gewaltigen Löwen ausrichten kann. Ihm ist auch klar, dass er den Löwen ebenso verletzen könnte und damit quält, was er ihm nicht antun möchte. Dies entspricht wiederum seiner Seele, die Mitgefühl hat und niemandem schaden will. Doch wenn der Mann den Löwen nicht verletzt und selber stirbt, verletzt er seine Familie, die er hinterlässt. Dies stellt eine Perspektive einer weiteren Teilpersönlichkeit dar. Nun stellt sich die spannende Frage: Wer setzt sich durch, die authentische Haltung der Seele oder die für Verteidigung stehenden Teilpersönlichkeiten? Für den Mann besteht nun auch noch die Möglichkeit, diplomatisch zu sein, den mächtigen Menschen zu spielen, so zu tun, als ob er angreift, und zu hoffen, dass ihm dies so gut gelingt, dass er den Löwen zum Rückzug bewegen kann. Mit der Umsetzung dieser Kombination der Haltung der Seele und den Forderungen der unterschiedlichen Teilpersönlichkeiten ist der Mann schließlich authentisch diplomatisch.
Angenommen unser tapferer Familienvater und ehemalige Bankangestellter überlebt sein Abenteuer und entschließt sich aus dem Dschungel wieder in die Zivilisation und zu seiner Familie zurückzukehren. Um seine Verantwortung tragen zu können, macht er sich auf die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz. Zum Vorstellungsgespräch bei der neuen Bank zeigt er sich „authentisch“ von seiner besten Seite, kehrt seine Vorteile als Bankangestellter hervor und behauptet sogar Unwahrheiten, um besser da zu stehen. Zum Beispiel verheimlicht er, wo er die letzten Monate wirklich war. Wie kann er sich auch mit seiner Geschichte, seine Familie sitzen gelassen zu haben, um Abenteuer zu erleben, als vertrauensvoller und verantwortungsbewusster Mensch präsentieren? So konzentriert er sich in diesem Gespräch ganz auf seine Bankangestellten-Teilpersönlichkeit und blendet bewusst alle Aspekte von sich, die hier zu erwähnen nur von Nachteil wären, die er aber sehr gut kennt, aus. Er spielt wieder eine andere Show, um zu erreichen, was er momentan will. Kurz gesagt, er stellt sich als perfekter Angestellter dar, obwohl er viele ihm bewusste Teilpersönlichkeiten hat, die ihm über kurz oder lang diese Position wieder zu Nichte machen könnten. Als Bewerber ist er also diplomatisch authentisch, um die Arbeitsstelle zu bekommen. Grundlegend ist er diplomatisch, weil er bewusst die „störenden“ Teilpersönlichkeiten verheimlicht. Doch ist dieses Verheimlichen von den Teilpersönlichkeiten aus betrachtet, welche die Anstellung bekommen möchten (Bankangestellter und Vater), authentisch. Er gibt diplomatisch Authentizität vor, was aus einer Teilpersönlichkeits-Perspektive doch authentisch ist. So kann man auf der Ebene der Teilpersönlichkeiten immer authentisch sein. Das bedeutet aber auch, dass jeder Mensch in Wirklichkeit immer diplomatisch ist, weil er ständig bestimmte Teilpersönlichkeiten versteckt, die ihm stets mehr oder weniger bewusst sind, damit er seine zeitweiligen Ziele erreichen kann.
So existiert stets eine Vielzahl von Teilpersönlichkeiten nebeneinander. Jede von ihnen vermittelt, wenn sie sich einmal in den Mittelpunkt gedrängt hat, dass man nun „ICH“ ist. Doch es ist nicht zutreffend, auch nur eine einzige Teilpersönlichkeit „ICH“ zu nennen. Denn während man die eine Teilpersönlichkeit ist, unterdrückt bzw. verdrängt man die anderen oder versteckt sie diplomatisch. Genau genommen ist das jedem Menschen auch bewusst, denn man weiß, was man im Leben alles schon gemacht hat, und dass man stets noch andere voneinander abweichende Pläne oder Wünsche hat. Teilweise verbinden sich die Teilpersönlichkeiten auch zeitweilig in Interessengemeinschaften, um ihr Ziel schneller zu erreichen, und bekämpfen dann Teilpersönlichkeiten mit gegensätzlichen Zielen. Doch wenn sie eben noch „Freund“ waren, so können sie im nächsten Moment auch schon wieder zum Feind werden, weil die Situation sich verändert. So kämpfen sie, entsprechend ihrem Motiv, stets miteinander oder gegeneinander. Sie alle sind Egoisten, denn jeder verfolgt sein persönliches Ziel, ohne auf die anderen zu achten. Von der ganz tugendhaften, hell leuchtenden Teilpersönlichkeit bis hin zur fiesesten, dunkelsten ist die gesamte bunte Versammlung aller Teilpersönlichkeiten doch stets eine egoistisch motivierte Mannschaft oder Gruppe. Denn selbst die tugendhafteste Teilpersönlichkeit ist auch ein Feind, nämlich für die „dunkleren“, egoistischeren Teilpersönlichkeiten, deren Aktivitäten sie verneint und zu verhindern sucht. Jede Teilpersönlichkeit für sich allein ist authentisch, aber weil sie alle in der Regel wissen, dass es noch andere Teilpersönlichkeiten gibt, und sie diese ignorieren, sind sie stets auch Lügner, Diplomaten. So oder so herum betrachtet, alle Teilpersönlichkeiten kämpfen miteinander. Wenn eine an der Macht ist, diskriminiert sie die anderen. Doch warum ist man eine Gruppe verfeindeter Teilpersönlichkeiten, die einen hin und her schubsen? Warum identifiziert man sich damit? Wie kann man diese Situation lösen?
Alle Teilpersönlichkeiten, die man kennt, werden zusammen gerufen und im Kreis versammelt. Mit ihnen erscheint nun auch ihr Koordinator, der jede einzelne Teilpersönlichkeit und ihre Ziele ganz genau kennt, der alles überschaut. Ab dem Zeitpunkt, an dem der Teilpersönlichkeitskoordinator erscheint, ist man sich durchgehend aller Teilpersönlichkeiten bewusst. Man kann diese Tatsache nicht mehr vergessen oder verdrängen. Man könnte nun immer authentisch den Koordinator leben, der diese Position einnimmt, weil er am weitesten entwickelt, am weisesten ist. Dies könnte man so auch gegenüber seinen Mitmenschen vertreten, indem man ihnen mitteilt, dass man sich weder mit der einen noch mit der anderen Teilpersönlichkeit identifiziert. So wie der Löwe immer authentisch ist, ist man es ebenso, wenn man immer den Koordinator lebt. Man kennt alle seine Teilpersönlichkeiten und weiß, welche Verhaltensweisen sie an den Tag legen und wie sie auf die unterschiedlichen Situationen im Leben reagieren etc.
Doch das ganze Teilpersönlichkeits-Spektrum zu sehen und zu sein, ist auch nicht die wahre Lösung. Die Gesamtheit der Teilpersönlichkeiten ist immer noch nicht das „ICH BIN“. Wenn man sich von dieser Versammlung all der egoistischen Lügner, die sich gegenseitig ständig diskriminieren, befreien möchte, muss man noch einen Schritt weitergehen. Dieser besteht darin, alle Teilpersönlichkeiten, nachdem man sie versammelt hat, auf ihr diskriminierendes Verhalten, und dass man dies durchschaut hat, aufmerksam zu machen. Als nächstes wird sich der Koordinator bewusst, dass er ebenfalls auch nicht die Summe aller dieser Feinde sein will. Man beschließt einfach, nicht mehr bei diesem Spiel mitzuspielen. Das „ICH BIN“ wird aus allen Teilpersönlichkeiten herausgezogen. Bildlich gesprochen erstarren in diesem Augenblick alle Teilpersönlichkeiten, zerbrechen in Scherben und zerfallen zu Staub. Man ist weder eine Teilpersönlichkeit noch die Summe aller Teilpersönlichkeiten. Das Spielfeld und alle Teilper-sönlichkeiten werden aufgelöst, da einen die Begeisterung für eine Teilpersönlichkeit ebenso wenig bewegt, wie die Identifikation mit einer ständig sich gegenseitig bekämpfenden Gruppe von Teilpersönlichkeiten. Man löst die Identifikation mit den Teilpersönlichkeiten nun gänzlich, einmal für immer, auf. Ab hier tritt die Gesamtpersönlichkeit, das wahre „ICH BIN“, in Erscheinung. Dies ist die Geburt der Seele: „Ich bin der ICH BIN.“ (Zitat Jesus).
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